Die Wetzlarer Rittertafel von 1771

Wetzlar hatte eine Tafelrunde, ehe es Schlaraffia gab. Sie entstand 1771 im Gasthaus „Zum Kronprinzen“ am Domplatz, sie hatte einen Heermeister, einen Kanzler und Ritter nach Rang — und zu ihren Rittern gehörte 1772 ein Praktikant des Reichskammergerichts namens Johann Wolfgang Goethe, der sich dort „Götz von Berlichingen, der Redliche“ nannte. Unser Reych trägt den Namen dieser Tafel im eigenen: Wetiflar — Wetzlarer Rittertafel.

Eine Stadt voller Juristen

Von 1689 bis 1806 saß das Reichskammergericht in Wetzlar, das höchste Gericht des Alten Reiches. Zwischen 1767 und 1776 lief die Große Visitation — eine Generalüberprüfung des Gerichts —, und in diesen Jahren war die kleine Stadt an der Lahn voll von jungen Legationssekretären, Praktikanten und Gesandtschaftsbeamten, die für ihre Höfe die Verfahren beobachteten. Junge Männer mit juristischer Ausbildung, wenig Geld, viel Zeit und einem Hang zum Literarischen: Aus dieser Mischung entstand die Rittertafel.

Sie war zunächst nichts anderes als eine Mittagstafel. Man aß gemeinsam — oder genauer: Die gemeinsamen Mittagessen fanden in der Form einer Rittertafel statt. Das Lokal war das Gasthaus „Zum Kronprinzen“ am Domplatz.

Goué und Gotter

Gegründet hat die Tafel der braunschweigische Gesandtschaftssekretär August Siegfried von Goué. Es war nicht sein erster Versuch: Bereits 1767 hatte er in Wolfenbüttel einen Ritterorden ins Leben gerufen. Die literarische Anregung für die Wetzlarer Runde kam von einem Ritterdrama, „Gabriele de Bergh“ des Legationssekretärs Gotter — und Gotter selbst wurde ab dem Sommer 1772 Heermeister der Tafel.

Die Ordnung war streng gestaffelt:

Der Ritter Götz der Redliche

Im Mai 1772 kam Goethe zur juristischen Ausbildung an das Reichskammergericht nach Wetzlar. Er gehörte der Tafel an, und sein Rittername dort lautete „Götz von Berlichingen, der Redliche“. Geschildert hat er diese Monate im zwölften Buch von „Dichtung und Wahrheit“ — und zwar ausführlich, mit sichtbarem Vergnügen an den Ämtern, den Namen und dem Spiel.

Zwei Begegnungen dieses Sommers haben Weltliteratur hervorgebracht. Am 9. Juni 1772 traf Goethe beim Tanzvergnügen in Volpertshausen — einer Landgemeinde vor der Stadt, in der heute ein Museum an den Abend erinnert — Charlotte Buff. Und Ende Oktober 1772 nahm sich sein Praktikantenkollege Karl Wilhelm Jerusalem in Wetzlar das Leben. Aus beidem wurde 1774 „Die Leiden des jungen Werthers“.

Was der Sippung entspricht — und was nicht

Wer die Ordnung der Rittertafel neben die einer Sippung legt, erkennt die Reihe wieder: Heermeister und Kanzler stehen dort, wo bei uns die Oberschlaraffen und der Kantzler stehen; die Ritter sitzen nach Rang; und die Fremden am Fußende sind unsere Pilger. Auch die Ritternamen, die Anrede und die gespielte Feierlichkeit sind dieselbe Erfindung.

Und doch ist es nicht dasselbe. Die Wetzlarer Rittertafel war eine Geselligkeit von Kollegen auf Zeit — sie zerfiel, als die Visitation endete und die Sekretäre weiterzogen. Was die Schlaraffia seit 1859 hinzugefügt hat, ist der Gedanke, der über den Abend hinausreicht: Freundschaft als eigenes Ziel, gleichrangig neben Kunst und Humor. Die Rittertafel spielte Ritter; die Schlaraffia spielt Ritter, um Freunde zu gewinnen. Das ist der Unterschied, und er ist kein kleiner.

Die lebende Fortsetzung

Unser Reych hat aus dieser Herkunft zwei Einrichtungen gemacht. Die eine ist die Reychskameralia, unser schlaraffisches Reichskammergericht — sie hat eine eigene Seite. Die andere ist der Orden Götz der Redliche mit der Heermeister-Schärpe, a.U. 103 (1962) im Reych gestiftet und in drei Stufen verliehen: Kleines Götzkreuz, Kammerherrenkreuz der Wetzlarer Rittertafel und die Schärpe mit dem Titul „Heermeister Götz des Redlichen“. Für befreundete Sassen ist er als Einrittsorden zu erlangen — wer also den Titul eines Heermeisters trägt, führt eine Wetzlarer Amtsbezeichnung des achtzehnten Jahrhunderts weiter.

Goethe selbst ist uns Schlaraffen allseits als ES Faust geläufig. In der Wetiflar heißt er ES Götz der Redliche — und unsere Burg ist nach ihm benannt: die Götzburg.

Zum Weiterlesen

OÄ Rt Schmoky der vom Hinterlande hat die Zusammenhänge zwischen der historischen Rittertafel und der Schlaraffia in einer ausführlichen Ausarbeitung dargestellt — mit dem vollständigen Personenverzeichnis der historischen Rittertafel und den Quellen von Heinrich Gloel bis zu den Mitteilungen des Wetzlarer Geschichtsvereins.

Die Wetzlarer Rittertafel und die Schlaraffia (PDF)

Die profanen Angaben dieser Seite stützen sich auf die Darstellung der Wetzlarer Goethe-Gesellschaft, auf die Ausarbeitung des Reyches mit ihren Quellen (Gloel 1922, Mignon 1972, Mitteilungen des Wetzlarer Geschichtsvereins) und auf Goethes eigenen Bericht im zwölften Buch von „Dichtung und Wahrheit“. Unsicher bleibt der Tag der Ordensstiftung: Unsere Reychsunterlagen nennen den 29. Juni 1962, der Archivbeleg nur die Jahrung a.U. 103 — das Jahr ist gesichert, der Tag nur reychsintern bezeugt. Wer zu Goué, Gotter oder den weiteren Rittern der Tafel Näheres beitragen kann, ist uns willkommen.

Zusatzseiten

Die Wetzlarer Rittertafel von 1771 Unsere Burg und unser Stammbaum Titul und Orden Unsere Ehrenschlaraffen Unterschlupf für Einreiter Unsere Nachbarreyche Das Reychskammergericht der Wetiflar

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