Kultur und Kleinkunst in Wetzlar: hausgemacht in der Götzburg

Kultur bei der Schlaraffia in Wetzlar wird nicht eingekauft, sondern selbst gemacht: Dienstags um 20 Uhr tragen die Mitglieder der Wetiflar in der Götzburg eigene Gedichte, Geschichten, Lieder und Instrumentalstücke vor, verhandeln vor einem Gericht aus dem Stegreif und wetteifern um Orden für die beste Fechsung. Gäste hören zu und lachen mit.

Eigene Gedanken statt Netzfunde

Eine Regel hat die Wetiflar sogar zum Motto eines Abends gemacht: „Alles, aber keine Netzfunde“. Gefragt ist, was im eigenen Kopf entstanden ist, und genau das macht den Reiz dieser Kleinkunst aus. Die Stichworte der Winterung lassen viel Raum. Bei „Ich möchte kurz was sagen“ muss sich zeigen, wie viel zwischen wenige Worte passt. Unter „Feld, Wald und Wiese“ hat das Jägerlatein seinen großen Auftritt, „Stadt, Land, Fluß“ führt von Wetzlar hinaus in die Welt, und beim „Uhu-Zauber“ verschwinden zwar keine Kaninchen, mit etwas Glück aber die Sorgen des Alltags. Kurz vor Weihnachten heißt es „So eine Bescherung“, und wer dabei besinnliche Routine erwartet, kennt die Wetzlarer Rittertafel schlecht.

Ein Gericht aus dem Stegreif

Ihre bekannteste Kunstform hat die Wetiflar der eigenen Stadtgeschichte entliehen. Von 1689 bis 1806 saß in Wetzlar das Reichskammergericht, und in der Götzburg tagt sein schlaraffisches Gegenstück: Gerichtspräsident, Oberkammerrichter und Assessores verhandeln mit Anklage und Verteidigung, was Reyche und Ritter entzweit hat. Das ist Wortgefecht in Reinform, denn geurteilt wird selten, und überliefert ist ein Spruch, nach dem die Sassen eines Reychs ihre Tischnachbarn freihalten mussten. Wie das Spiel entstand, erzählt die Seite Das Reychskammergericht der Wetiflar.

Musenorden und Musik als Trumpf

Für die Künste hat das Reych einen eigenen Orden. Den Musenorden, gestiftet noch vor der Sanktion, vergibt die Wetiflar über ein Musenturney, einen Wettstreit der Künste. Musik bekommt außerdem Abende für sich: Unter „Musik ist Trumpf“ wird die Götzburg zum Klangkörper, in dem gesungen, gespielt und musikalisch fabuliert wird, und Virtuosen sind dabei ebenso willkommen wie Sassen mit bescheidenem Talent. Seine 1000. Sippung beging das Reych im Haus des Gastes zu Braunfels, im Anschluss an ein Konzert des Allschlaraffischen Orchesters.

Goethe, ein Maler und die Lahn

In Wetzlar trifft Kleinkunst auf Weltliteratur. Der junge Goethe saß 1772 an der historischen Wetzlarer Rittertafel und beschrieb sie später in „Dichtung und Wahrheit“; die Wetiflar führt ihn als Ehrenschlaraffen Götz der Redliche, und zum 250. Jahrestag seines Tanzes in Volpertshausen widmete sie dem Ereignis eine Sippung. Ihr zweiter Ehrenschlaraffe ist der Maler Ulrich Leman, Mitbegründer der Künstlergruppe „Das Junge Rheinland“, der als Rt Karaphil der Par-Nasser schon in der neunten Feldlagersippung dabei war. Wer tagsüber Kultur sucht, findet in der Stadt das Reichskammergerichtsmuseum und in Volpertshausen ein Museum, das an Goethes Ballabend erinnert. Am Dienstagabend kommt die Kunst dazu, die erst im Moment des Vortrags entsteht.

Erst hören, dann mitreden

Als Gast müssen Sie nichts vortragen; zuhören und lachen genügt völlig. Die Stichworte der nächsten Dienstage finden Sie unter Veranstaltungen, Antworten zu Anmeldung, Kosten und Kleidung in den häufigen Fragen. Was die Schlaraffen weltweit verbindet, lesen Sie bei schlaraffenfreunde.de unter Schlaraffia auf einen Blick.

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